26.02.2018

Goodbye Heimat: Bis zu 16% der Tier- und Pflanzenarten sind potentielle Auswanderer

Die Vielblättrige Lupine (Lupinus polyphyllus) stammt eigentlich aus Nordamerika und ist mittlerweile die häufigste Lupinienart Mitteleuropas. Bild: Franz Essl

Der Senckenberg-Wissenschaftler Dr. Hanno Seebens hat gemeinsam mit einem internationalen Team herausgefunden, dass 16% aller Tier- und Pflanzenarten das Potential haben, vom Menschen in andere Gebiete verschleppt zu werden. Momentan sind 28% solcher regional neu beobachteten, nicht-einheimischen Arten global gesehen sogenannte neue Neobiota. Neue Neobiota sind Arten, die zum ersten Mal außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets auftauchen. Die Kontrolle nicht-einheimischer Arten, die erhebliche Risiken bergen, erfordert daher höhere Anstrengungen als bisher, schreibt das Team aktuell im renommierten Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Nicht-einheimische Tier- und Pflanzenarten - sogenannte Neobiota - sind weltweit auf dem Vormarsch. So hat in den Jahren 2000 bis 2005 die Zahl an Nachweisen nicht-einheimischer Arten weltweit einen neuen Höchststand erreicht, Tendenz weiter steigend. Da einige dieser Arten zum Problem werden könnten, versucht die Europäische Union Bekämpfungsmaßnahmen zu ergreifen, in dem sie eine Liste der 49 aggressivsten Neobiota erstellt hat. Nur dürfte dieser Ansatz der auf bekannte, nicht-einheimische Arten abzielt, zu kurz greifen, wie eine internationale Forschergruppe festgestellt hat.

Der Leiter der Studie, Dr. Hanno Seebens, Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum, dazu: „28 Prozent der nicht-einheimischen Tier- und Pflanzenarten, die in den Jahren von 2000 bis 2005 in einem Land neu registriert wurden, waren neue Neobiota. Das sind Arten, die erstmals weltweit außerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes auftauchen. Sie stehen daher per se noch nicht auf der EU-Liste.“ Der Anteil neuer Neobiota an den regional neu registrierten, nicht-einheimischen Arten ist trotz deren sprunghaften Anstiegs über die letzten 150 Jahre nahezu gleichgeblieben. Ein Rückgang der biologischen Neuzugänge ist daher nicht in Sicht.

Dies zeigt die Auswertung eines globalen Datensatzes mit rund 46.000 Einträgen von Sichtungen nicht-einheimischer Tier- und Pflanzenarten. Die Daten decken grob den Zeitraum der letzten fünfhundert Jahre ab – eine Zeit in welcher der Mensch in zunehmendem Maße auch entlegene Regionen erschlossen hat. Über genau diese neu geschaffenen Straßen, Schiffspassagen und Flugrouten werden heute Tier- und Pflanzenarten durch den Menschen unbeabsichtigt oder beabsichtigt in neue Gebiete eingeführt.

Auch ein Modell, das auf dem umfangreichen Datensatz basiert, zeigt, dass es mit der Ankunft neuer Neobiota noch nicht vorbei sein dürfte. Dr. Franz Essl von der Universität Wien, Senior-Autor der Studie, dazu: „Wir haben errechnet, dass zwischen einem und 16 Prozent aller existierenden Tier- und Pflanzenarten potentiell das Zeug dazu haben, sich mit Hilfe des Menschen außerhalb ihrer Heimat anzusiedeln. Das geringste Potential haben Weichtiere wie Schnecken und Muscheln, das größte Potential haben Säugetiere“.

Dieser Pool an potentiellen Neobiota ist längst noch nicht leer. Mehr noch: Dank des sich immer weiter ausdehnenden Verkehrsnetzes haben immer mehr Arten überhaupt die Gelegenheit, in neue Gebiete eingeschleppt zu werden. „Die große Herausforderung ist nun, durch Handelsregelungen und Zollinspektionen die zunehmende Verschleppung von Neobiota zu reduzieren. Dabei geht es um jene nicht-einheimischen Arten, die problematisch werden könnten. Dies erfordert deutlich höhere Anstrengungen als bisher“, fasst Seebens zusammen. (Senckenberg)